Zollstock nah auf alten Dielenbrettern
Altbausanierung

Shabby Chic frei Haus: die Dielen

Kommentare 8

Shabby Chic ist ein absonderlicher Einrichtungs-Trend. Ich würde sagen, eine Geschmacksverirrung. Die Gegenstände, die unter diesem Label im Internet gezeigt werden, sind meistens keines von beidem: weder richtig schäbig (shabby) aber noch viel weniger chic. Eifrige Modemäuschen sind offenbar nicht zu bremsen in dem Drang, Möbel und Schnickschnack mit weißer Farbe zu übertünchen und im Reigen mit Trockenblumen, Spitzendeckchen und Tüllgardinchen zu präsentieren.

Fotos mit überwiegend weiß eingerichteten Räumen, nostalgisch

Google Bildersuche zum Stichwort „Shabby chic“

Die Vorstellung, dass auf diese Weise auch edle alte Wurzelholzfurniere unwiederbringlich verdorben werden, ist mehr als gruselig.
Natürlich könnte ich sagen, was geht`s mich an, und endlich zu meinem eigentlichen Thema kommen. Okay, also, …:

Die Dielen

Während der Verputzerei wollte ich sie vor Sand und anderen Strapazen bewahren, und hatte deshalb das in den letzten Jahrzehnten aufgebrachte PVC und Laminat erst mal drauf gelassen. Nun ist das kleine Zimmerchen im ersten Stock soweit fertig. Der Maler riet mir, den Fußboden klar zu machen, bevor ich die Wände streiche. Das war offenbar ein guter Tipp. Unter dem Laminat kam in diesem Raum nicht PVC, sondern Fließestrich zutage. Der war schon gebrochen, also gab es kein Zurück mehr. Der Estrich musste raus.

aufgebrochener Fußboden-Estrich, darunter Holz

Unter dem Estrich kommen die alten Dielen zutage.

Ziemlich ernüchternd, dass es kein Ende zu nehmen scheint mit dem Staub und Dreck im Haus und ich nun wieder Schutt wegfahren muss. Dabei hatte ich gehofft, dass ich das kleine Zimmer nächste Woche würde einrichten können. Doch was unter dem Estrich zutage kam, stellt mich vor wieder neue Herausforderungen.

Die Überraschung: schön und schrecklich

Roher alter Dielenboden mit Rissen und Farbresten

Teils ist das Holz roh, teils mit braunen und weißen Farbresten behaftet. Das Graue sind Reste von Papier, mit dem die Dielen offenbar vor dem Aufbringen des Estrichs belegt worden waren.

Mit einer Breite von 20 bis 25 Zentimetern sind die Dielen trotz ihres schlechten Zustands ziemlich eindrucksvoll. Sie müssen lange begangen worden sein, denn sie sind an vielen Stellen ausgetreten. Die Ast-Ansätze stehen als kräftige Hubbel hervor, denn sie sind härter als das übrige Holz. Der Boden hat das Profil einer Dünenlandschaft. Zudem ist der Grundriss des Raums nicht rechteckig, sondern trapezförmig. Die Dielen aufzunehmen und umzudrehen, in der Hoffnung, dass die Rückseite vielleicht glatter ist, scheidet daher aus. Außerdem sind sie an einigen Stellen, vor allem vorne an der Tür, der Länge nach gerissen.

alte beschädigte Dielen nah

Schrubben, kratzen, schleifen. So versuche ich erstmal herauszufinden, ob die Dielen noch zu retten sind.

Die Dielen haben das Etikett „Shabby“ wirklich verdient. Fehlt aber noch der Chic.
Ich habe mir einen Exzenterschleifer ausgeliehen. Wie viel muss ich abschleifen, um zwischen Huckelpiste und „glatt wie ein Kinderpopo“ den goldenen Mittelweg zu finden? Auf keinen Fall möchte ich, dass die Dielen nachher „wie neu“ aussehen.

Schönes altes Wort: ausspänen

Neben der Oberfläche sind auch die Zwischenräume zu bearbeiten. Die Fugen zwischen den einzelnen Dielenbrettern sind bis zu 12 Millimeter breit und teils mit Holzleisten, teils mit einem undefinierbaren bröseligen Material gefüllt.

Dielenfuge mit altem Span.

Dielenfuge mit altem Span.

Im Forum von fachwerk.de habe ich recherchiert, dass man die Fugen ausspänt. Dazu muss man sie erst mit der Oberfräse sauber ausschneiden. Dann werden Holzleistchen von der entsprechenden Breite zurechtgeschnitten und in die Fugen eingeklebt. Dabei wird mir ein Freund helfen, der das schon mal gemacht hat. Danach kann ich die Dielen abschleifen und ölen. Oder sollte ich sie weiß lasieren, damit sie ganz sicher als „shabby chic“ gelten dürfen?

8 Kommentare

  1. Hi

    Das mit dem Verschluß der Fugen würde ich überdenken. Sie dienen auch als Dehnungsfugen.

    Wir haben damals auf Anraten der Parkettlegers… Keilleisten in die Fugen geschlagen. Meist halten die so . (Vor dem Schleifen und lackieren , ggf nach dem ersten Grobschliff)

    Man kann sie natürlich mit Nägeln (kleine Stifte!) hie und da quer vernageln oder ~ einseitig verleimen.

    Wen die Bretter ohne Spiel gelossen oder lose Stoßstelle werden wölbt sich der Boden. (Imense Kräfte werden da frei!) Ähnlich wie bei der Verlegung von Fertigpakett muss man deshalb immer auf genügen Siel zwischen der Mauer und den Panelen achten. Bei einer festen Planke gilt das natürlich in Richtung der Nachbarplanke. Gutes Gelingen.

    • Hallo Wolfgang, danke für diesen Rat. Ich nehme an, wir meinen dasselbe. Es geht mir nämlich nicht um „Verschließen“, und es werden auch nicht alle Fugen derart behandelt, sondern nur die sehr breiten, und so, dass genügend Spiel bleibt. Hier und da sind schon Leisten drin, aber die kleinen Stifte, mit denen sie angebracht sind, stören beim Schleifen und sind teilweise abgebrochen.
      Wir werden drauf achten, dass das ganze nicht zu eng wird. Auch zu den Wänden hin sind die Fugen breit genug.

  2. echt spannend so ein Altbau. Wenn ich mal pensioniert bin und Langeweile habe …;-)
    Spaß beiseite: wie wärs statt weißer Lasur (war das ernst gemeint?) mit wein-/dunkelroter? Wirkt vielleicht wohnlicher als braun? Kann man die Fugen nicht mit „dehnungsaktivem“ Korkstreifen stopfen? So haben wir unsere Übergänge Parkett-Fliesen ausgefüllt und das hat gut funktioniert.

    • Hallo Albert,
      das mit der weißen Lasur war nicht ganz ernst gemeint. Ich werde erst mal schauen, wie die Dielen nach dem Schleifen aussehen. Und dann entscheiden. Der Raum muss nicht besonders edel aussehen. Er geht nach hinten raus auf die Gasse und wird eher als Umkleide- und Stauraum genutzt.
      Du empfiehlst mir die klassische Dielenfarbe „Ochsenblut“. Die ist mir für diesen Raum zu dunkel.
      Für die Fugen: Korkstreifen werden im oben erwähnten Forum auf fachwerk.de auch diskutiert. Die klassische Art ist aber wohl das Ausspänen, so wie auch Wolfgang Maier (s.o.) es beschreibt. Wirklich spannend wird es sowieso erst im Dachgeschoss: Da ist die Fläche größer, es ist heller und soll richtig schön werden. Und ich hoffe, dass da die Dielen in einem besseren Zustand sind.

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